Die Regeln des US-amerikanischen Marktes

Teil 2: Unterschiedliche Grundauffassung über Freiheit und Strafe

Wir kommen zu einem Punkt, in dem sich Europa und die USA sehr unterscheiden: dem Konzept von Freiheit und Strafe. Die Amerikaner haben ein System, das mehr Freiheit und Eigenverantwortung zulässt als in Europa, aber wer die Regeln übertritt, riskiert viel härtere Strafen, als sich ein Europäer vorstellen kann. Die Parallelen zum Finanzmarkt oder besser, zu jedem amerikanischen Markt, auch dem für Automobile, sind nicht zu übersehen. Eine weitere amerikanische Eigenheit ist die Buchstabentreue. Ob sinnvoll oder nicht – Vorschriften müssen in allen Punkten buchstabengetreu eingehalten werden. In Großkonzernen führt das manchmal zu unbeabsichtigten Mängeln bei der Qualität der Dienstleistungen.

Um ein Beispiel zu nehmen, blicken wir auf die Steuererklärung. In den USA wird dringend zu einem Tax Attorney (Steueranwalt) geraten, bevor man überhaupt mit dem Ausfüllen der Steuererklärung beginnt. Die Schwierigkeit besteht darin, keinen Formfehler zu machen. Hier zeigt sich wieder die Buchstabentreue. Hat der Steuerzahler mit seinem Tax Attorney die Steuererklärung abgegeben, gibt es kaum noch weitere Kontrollen. Aber wenn es ausnahmsweise doch eine Kontrolle gibt, ist sie sofort sehr streng. Der Steuerzahler hat direkt ein Dokumentationsproblem. Die Sorge vor einer IRS Steuerprüfung ist berechtigt. Sie zu verhindern, indem die Steuererklärung peinlich exakt ausgefüllt wird, ist unerlässlich. Wenige Kontrollen, sehr harte Sanktionen, nach diesem Prinzip funktioniert die amerikanische Gesellschaft.

Insofern ist es falsch, von einer unfairen Behandlung ausländischer Banken oder Konzerne auszugehen. Vielmehr gelten die gleichen Regeln für alle, so dass auch amerikanische Unternehmen hart bestraft werden, wenn sie sich etwas haben zuschulden kommen lassen und dabei erwischt wurden. Sowieso ist die Idee einer unfairen Behandlung ausländischer Gesellschaften unsinnig, weil die Kapitalverflechtungen gerade bei großen Gesellschaften auch amerikanische Interessen berühren. Was einen europäischen Manager überraschen kann, ist die Härte der Strafen und die buchstabengetreue Auffassung von Recht, aber sie können sich nicht über Diskriminierung beklagen, weil die amerikanische Konkurrenz unter denselben Regeln arbeitet.

Amerikaner lieben Wettbewerb, Messbarkeit, Show und juristische Gefechte. Man sieht das auch beim Sport. Im Football schlagen die Helme zusammen, dass es kracht. Im NASCAR race droht jeden Moment ein Rennunfall. Mixed Martial Arts ist wirklich gefährlich und Baseball entwickelt Statistiken, die für Laien undurchdringlich sind. Es geht um hohe Einsätze, um Regeln, um Zahlen und um den Sieg. So ist es auch in der juristischen Welt. Die Staatsanwälte wollen gewählt werden. Sie müssen daher Siege vorweisen, damit ihre persönliche Erfolgsstatistik stimmt. Also konzentrieren sie sich auf Fälle, die sie wahrscheinlich gewinnen werden. Wenn die Chancen des Staatsanwaltes unsicher sind, schlägt er lieber einen Deal vor. Dieser lautet, eine milde Strafe anzunehmen oder einen Prozess zu führen, der entweder mit unschuldig oder einer spektakulären Strafe enden kann. Ein wohlhabender Privatmann kann es auf einen Prozess ankommen lassen und vielleicht gewinnen. Ein Unternehmen aber wird in der Regel einen Deal bevorzugen. Das bedeutet, dass ein Unternehmen lieber eine hohe Strafe bezahlt und öffentlich sein Fehlverhalten zugibt, als in einem Prozess auf unschuldig zu plädieren. Denn im Falle einer Verurteilung drohen extreme Strafen. Das Deptartment of Justice brüstet sich dann mit der verhängten Buße.

Lesen Sie den nächsten und letzten Teil im Newsletter vom 2. Januar 2018.

(Der Autor ist seit über 30 Jahren Anlageberater, Bankmanager und Vermögensverwalter.)