Aristoteles, der klassische Vertreter der „Tugendethik“

Nachdem Herr Feiten (Mitarbeiter und Dozent an der Hochschule Trier) im letzten Newsletter auf die Moral in der Unternehmenswelt einging (Kant), lesen Sie heute über Aristoteles, der als klassischer Vertreter der „Tugendethik“ gilt.

Dabei geht es nicht um die berühmten „preußischen Sekundärtugenden“ wie Ordnung oder Pünktlichkeit. Vielmehr geht es um eine Vortrefflichkeit des Charakters. Tugenden sind keine Privatsache, sondern haben eine ökonomisch-politische und soziale Dimension.

Aristoteles sind (mindestens) drei Einsichten für das ethisch angemessene Wirtschaften wichtig.

Erstens: Tugenden fallen nicht vom Himmel und sie sind auch nicht angeboren, sondern sie können und sollen kultiviert werden. Je integrer der Mensch handelt, desto leichter fällt es Ihm, noch integrer zu werden. Und umgekehrt.

Zweitens: Es gelingt der Nachweis, dass ethisches Handeln nicht im Widerspruch zum Glück stehen muss, sondern im Gegenteil: seine Voraussetzung ist.

Drittens: Tugenden sind das Beste, was man im Bereich einer Charaktereigenschaft jeweils erreichen kann. Gewissermaßen eine humane Exzellenz.

So ist z.B. das Gerechtigkeitsgefühl die Mitte zwischen Neid und Schadenfreude. Mit „die Mitte“ meint Aristoteles „das rechte Maß“ und gerade nicht eine arithmetische Mitte, wie die Zahl 5 zwischen 1 und 9 eine ist. Besagte „Mitte“ ist für Aristoteles genau genommen das Gegenteil zu den beiden sich ebenfalls gegenüberstehenden Untugenden.

Warum ist mir das wichtig?

Die meisten Ansätze in der Wirtschafts- und Unternehmensethik behandeln Systeme, also die Wirtschaft und die Unternehmen. Diese Systeme sollen so gebaut werden, dass die Ergebnisse möglichst ethisch gehaltvoll sind.

Und es werden auch wichtige Fragen gestellt, z.B. vom Harvard-Professor Michael Sandel: „Gibt es Dinge, die man für Geld nicht kaufen können sollte?“ Denn wenn wir beschließen, dass bestimmte Güter ge- und verkauft werden dürfen, entscheiden wir – zumindest implizit – dass es in Ordnung ist, sie als Waren zu behandeln. So argumentiert Sandel: „Die schicksalhafteste Änderung der letzten drei Jahrzehnte war nicht die Zunahme der Gier. Es war die Ausdehnung der Märkte und ihrer Wertvorstellung in Lebensbereiche, in die sie nicht gehören. “

Zwar darf ein Schöffe z.B. keinen Vertreter entsenden: seine Stimme bei Wahlen darf man nicht verkaufen. Gleichwohl, so Sandel, reicht der Markt mittlerweile von A bis Z, d.h. vom Abschießen für unter Artenschutz stehenden Nashörnern [150.000 USD] über den Leihmutterschaftsmarkt [Preis für Austragen eines Embryos durch eine indische Leihmutter: 6.250 USD], den Markt für Universitätsabschlüsse [? USD], das Recht, eine Tonne CO2 zu emittieren [13 EUR] bis zum Zellen-Upgrade in Gefängnissen [82 USD pro Nacht]. Und nicht nur kaufen, sondern auch Geld kann man verdienen: durch Vermietung der kahl rasierten Stirn zu Werbezwecken via Tattoo (777 USD), als Proband für Arzneimittelversuche (7.500 USD), für private Militärunternehmen kämpfen (bis zu 1.000 USD/Tag), Schlange stehen für Lobbyisten am US-Kongress (15 USD/Stunde). Auch über einen Markt für Flüchtlinge wurde in den USA von führenden Ökonomen debattiert – Ergebnis offen. Es gilt also, so Sandel, darüber nachzudenken, wie wir Güter wie Gesundheit, Familienleben, Natur, Kunst etc. bewerten – und damit ist keinesfalls „monetär“ bewerten gemeint.

Gleichwohl verkennen diese Ansätze meines Erachtens das Entscheidende: In der Ethik geht es um das Handeln – und das ist das originäre Spielfeld von echten Menschen, die fortwährend handeln und mit ethischen Herausforderungen konfrontiert sind.

Denn die Gründe für „Ethikverlust“ sind mannigfaltig, z.B.:

  • eine eingeschränkte Sicht auf das Ganze, z.B., weil man nur ein kleines Rad des Ganzen ist
  • „erst Funktionalität, dann Moralität“-Denken
  • Kompetenzbeweis in einer Funktion, z.B. dem Chef zeigen, wie gut die Ergebnisse sind
  • Pflichttreue, weil man z.B. schon lange bei einem Unternehmen arbeitet
  • Gruppenzwang und Zugehörigkeitsgefühl
  • Anlehnungsbedürfnis an Autoritäten und Institutionen
  • Peinlichkeit eines Widerspruches
  • Verantwortungsdiffusion
  • Loyalität gegenüber Autoritäten
  • Oder noch weitergehend: Gehorsam und Disziplin
  • Distanz zum Opfer
  • Gewöhnung an unredliches Verhalten (es fällt immer leichter – sozusagen Aristoteles in negativer Auslegung des Tugenddenkens)
  • Der Zweck heiligt das Mittel-Denken
  • Ideologien von Firmen
  • Sündenbockpsychologie
  • Belohnungs- oder Bestrafungssysteme etc.

Daher habe ich den Fokus in meiner Vorlesung neben den klassischen System-Ansätzen auch sehr stark darauf gelegt, wie man so etwas wie ethische Kraft entwickeln kann, das heißt z.B. die Fähigkeit, als Mitarbeiter in einem Unternehmen seine Stimme trotz allem zu erheben, falls unethische Praktiken an den Tag gelegt werden sollten. Denn was nutzt alle (z.B. ethische) Einsicht, wenn die Kraft (zum Handeln) fehlt?

21.12.2020. Michael Feiten

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