Blick über die nächsten Monate: Wie stark wird die Rezession, wie rasant der Aufschwung?

Der Kurseinbruch der Finanzmärkte hat drei Ursachen: erstens müssen die Gewinnerwartungen der Unternehmen kräftig gesenkt werden. Wie kräftig? Das lässt sich noch nicht sagen, daher die große Volatilität der Aktienmärkte. Zweitens die Verunsicherung über die menschlichen und politischen Auswirkungen des Corona Virus und mehr noch der Maßnahmen, die zu seiner Bekämpfung getroffen wurden. Vorläufig kann man nur feststellen, dass sämtliche Regierungen der westlichen Welt enorme Befugnisse haben und sehr weitreichende Maßnahmen anordnen, die, sollten sie länger anhalten, für den langfristigen Wohlstand der Volkswirtschaften nichts Gutes verheißen, aber notwendig sind. Es ist zu hoffen, dass dieser Spuk so rasch als möglich verschwindet, sicher ist es nicht. Drittens ist der Ölpreis überraschend schnell und tief gefallen, so dass die amerikanische und russische Öl- & Gasindustrie, besonders alle diejenigen, die hohe Förderkosten haben, vor schwere Probleme gestellt wird, was nicht ohne Auswirkungen auf die Qualität ihrer Schuldtitel bleibt und über die Transmission der kreditgebenden Banken den Finanzmarkt stark treffen könnte.

Nationale und supranationale Zentralbanken tun was sie können, um die Auswirkungen der dreifachen Krise auf die Finanzmärkte zu mildern. Sie stabilisieren das System, so gut sie es eben noch vermögen, denn der Instrumentenkasten leert sich zusehends, beziehungsweise entbehrt schon aller konventionellen Mittel. Umso größeren Raum nimmt unversehens die Politik ein, die sich seit Jahren, zumindest bei uns im Rahmen der viel gerühmten „schwarzen Null“, konsequent geweigert hat wirtschaftliche Stimuli von Bedeutung zu geben. Sie bestimmt freihändig über unvorstellbare Summen, um die Folgen ihres eigenen Verhaltens abzufedern. Das kann gelingen, muss es aber nicht. Wieviel klarer und besser wäre die Lage, hätte die Exekutive innerhalb der EU und Nordamerika den Pandemie-Fall besser vorbereitet.
Die weitere Entwicklung hängt davon ab, wie rasch und nachhaltig die Epidemie eingedämmt wird. Wir unterscheiden drei Szenarien:
a) Schlechter Fall: Die Epidemie dauert viel länger, die angeordneten Maßnahmen wirken wirtschaftsschädlicher als zuerst angenommen, die Zukunftsaussichten verdüstern sich nachhaltig. Nach dem Absturz der Finanzmärkte folgt eine lange, traurige Seitwärtsbewegung auf tiefem Niveau, bis schließlich neue Kräfte und neue Ideen zu einem erneuten Aufschwung führen. Ein L mit langem Fuß und danach beginnt etwas Neues.
b) Mittlerer Fall: Obwohl die Epidemie in einer überschaubaren Zeit überwunden wird, sind die wirtschaftlichen Folgen so schwerwiegend und die Erholung so schwach, dass Preise, Löhne und Bewertungen nicht recht in Schwung kommen wollen. Die alte Börsianer- oder Bauernregel trift ein, wonach nach einem starken Absturz elf Quartale bis zum nächsten Aufschwung vergehen müssen. Dafür stünde ein U mit einem langen und zittrigen Boden.
c) Bester Fall: Die Stimulierungspakete entfalten ihre Wirkung, der Ölpreis übersteigt die Produktionskosten der US ÖL & Gasindustrie, die Konsumenten und Investoren holen die Ausgaben nach und das Vertrauen kehrt schneller zurück als gedacht. Die Finanzmärkte würden dann aussehen wie ein V, ein V wie victory.

Die Wirklichkeit wird sich nicht idealtypisch verhalten. Am wahrscheinlichsten ist eine Mischung der drei Szenarien, bei der unterschiedliche Branchen und Länder unterschiedlich schnell voranschreiten. Aus anlageberaterischer Sicht erfordert dies, dass kalkulierte Risiken einzugehen sind, die Portfolios mindestens die beiden Hauptwährungen EUR und USD enthalten und durch eine Streuung der Anlagen nach Anlageklassen, Laufzeiten, Qualität, Ländern und Berücksichtigung der Nachhaltigkeit die Risiken soweit es geht diversifiziert werden. Cash alleine ist keine Lösung, bleibt aber ein wesentlicher Bestandteil selbiger, um für neue Chancen und Risiken gewappnet zu sein.
Eine globale Rezession und eine vorübergehende Deglobalisierung wird sich kaum vermeiden lassen. Selbst Hilfskredite die seitens der EZB und des Staates gewährt werden, bleiben Kredite, die irgendwann getilgt werden wollen und das bei teilweise jetzt schon viel zu hoch gehebelten Unternehmensbilanzen. Somit sind Insolvenzen nicht auszuschließen, was zu Arbeitsplatzverlusten und geringeren Einkommen in der Bevölkerung führt, wodurch der Konsum leidet, sprich genau das passiert, was jetzt eingepreist wird.
Natürlich ist auch hier nicht alles schwarz oder weiß, sicherlich sind die Maßnahmen jetzt nötiger als je zuvor und es wird auch diesmal Gewinner geben, die die Wirtschaft wieder in Schwung bringen. Durchaus positiv sind sicherlich die deutlich kürzeren Reaktionszeiten der öffentlichen Hand und der Zentralbanken, welche vor gut 10 Jahren in der Finanzkrise zu Beginn weniger entschlossen wirkten. Es gab also eine Lernkurve, was uns letztendlich mit Blick auf die nächsten neun Monate Hoffnung macht.

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