Stimmungsbild aus drei US Südstaaten im April 2021 – persönliche Eindrücke unseres Managing Directors:

„It was the best of times, it was the worst of times“. (Charles Dickens)

Die Stimmung in den Südstaaten South Carolina, Georgia und Florida, kann mit den Worten von Dickens beschrieben werden, je nachdem, wer berichtet. Die deutschsprachige Presse und das Fernsehen kaprizieren sich bei Amerika gerne auf Unglücksfälle und Verbrechen, sowie das Wetter und vergessen alles Positive.

Das Wetter ist für die Zwecke unseres Stimmungsbilds unwichtig. Wir wissen, dass es im Norden der USA im Winter sehr kalt und schneereich wird und dass im Süden im Herbst tropische Wirbelstürme aus der Karibik an die Ostküste treffen. Daraus entstehen jedes Jahr dieselben abgedroschenen Reportagen und Bilder.

Aus finanztechnischer Sicht handelt es sich einfach um berechenbare Schäden, die auf zahlreiche Investoren aufgeteilt werden. Diese sogenannten versicherungsgebundenen Anleihen finden sich auch in unseren Fonds, wo sie einen durchschnittlichen Ergebnisbeitrag von fünf bis sechs Prozent p.a. erzeugen. Was ein echter Amerikaner im Hurrikane tut, sieht man bei Google unter „American Flag Guy“ oder hier:

Quelle: JokeAz.com

Cold hard cash

Am meisten beschäftigt die Menschen ihr persönliches Wohlergehen und in dieser Beziehung gibt es neuen Optimismus. Die Arbeitslosenquote tendiert gegen Vollbeschäftigung, die Stundenlöhne steigen und das Geld zirkuliert. Dieser Eindruck wird allerdings von den im Mai veröffentlichten Zahlen etwas relativiert. Es scheint eine Diskrepanz zwischen der gefühlten Lage und den gemessenen Zahlen zu geben, die nicht einfach zu erklären ist.

Eine mögliche Erklärung könnte darin liegen, dass die wirtschaftliche Erholung der USA nach der Covid Pandemie nicht im ganzen Land einheitlich erfolgt, sondern im Süden stärker ist als im Norden. Falls das zutrifft, wären daraus brisante Lehren zu ziehen, denn Texas und Florida haben früh mit Lockerungen angefangen, ohne dadurch größere gesundheitliche Risiken zu produzieren als die vorsichtigen Staaten New York und Kalifornien.

Die Impfkampagne verläuft dynamisch. Gegen 70 % der Bevölkerung dürfte im Sommer zweimal geimpft worden sein. Auffällig sind die Informationstafeln entlang der Autobahn, wonach sich jeder ab 16 Jahren, ja ab 12 Jahren, impfen lassen kann und soll. Die benötigten Dosen stehen reichlich zur Verfügung und auch illegale Einwanderer werden problemlos geimpft, ohne dass sie die Ausweisung befürchten müssen. Die Anmeldung ist einfach. Man sucht sich aus der Vielzahl privater Apotheken wie Wallgreen, CVS oder Publix einen Anbieter in der Nähe, bucht den Termin und bringt einen Fahrausweis oder wenigstens eine Elektrizitätsrechnung mit. Die erforderlichen medizinischen Angaben gibt man im Voraus elektronisch ein. Wer will, kann sich in diesem toleranten und effektiven Umfeld schnell und kostenfrei impfen lassen. Der beliebte Johnson+Johnson Impfstoff wurde zwar ausgesetzt, aber Pfizer Impfstoff gibt es im Überfluss, so dass die Regierung beabsichtigt, überzählige Impfdosen außerhalb der USA einzusetzen.

Die Wirtschaft wächst mit über 6 Prozent. Die Menschen verhalten sich im Großen und Ganzen diszipliniert. Im Fitnessclub bewegen sich die größten Kolosse rücksichtsvoll und halten den gewohnten Abstand von sechs Fuß (1.8 m) ein. Jeder erhält am Eingang sein individuelles Sprühfläschchen und es wird gesprüht und geputzt, dass es selbst für einen Schweizer eine Freude ist. Restaurants sind offen, die Abstände von Tisch zu Tisch sind großzügiger geworden. Die Geschäfte sind offen, wenn auch nicht voll und an jeder Ecke steht ein Desinfektionsspender, der auch fleißig benutzt wird. Die Flughäfen von Miami und Atlanta arbeiten im Vollbetrieb. Das Flugangebot wurde in der Krise ausgedünnt und die Inlandflüge sind nun bis auf den letzten Platz ausgelastet. Die Passagiere verhalten sich kooperativ. Es geht auch nicht anders, denn wer aufmuckt, wird ohne langes Federlesens aus dem Flugzeug gebeten und bekommt eine Flugsperre. An einem Wochenende im April in Atlanta waren die Mietautos restlos ausverkauft. Reservationen gaben lediglich das Recht, sich in die Warteschlange einzureihen. Die Wartezeit betrug ca. fünf Stunden. Die Stimmung blieb gelassen, kein lautes Wort war zu hören.

Die Wirtschaft brummt

Die Stimmung ist insgesamt heiter, aber es braucht keine besonderen Kenntnisse, um die Kehrseite der Medaille zu sehen. Es droht eine wirtschaftliche Überhitzung und eine Lohn-Preis-Spirale mit Inflation. Sie erfolgt bisher noch nicht auf breiter Front, (Nachtrag von Mitte Juni: die neuesten Zahlen zur Inflationsrate zeigen aber ein Plus von 5 % gegenüber Vorjahr) aber sie zeigt sich schon bei Benzin, Rohstoffen und Halbfabrikaten, sowie im Niedriglohnbereich (Nachtrag von Mitte Mai: Inflationsbereinigt scheinen die Löhne nicht gestiegen zu sein, sondern leicht gesunken. Dies widerspricht jedoch dem Eindruck vor Ort). Die Hauspreise entwickeln sich ebenfalls kräftig, unterstützt von einer gewissen Binnenmigration von Amerikanern von Nord nach Süd und von West nach Südwest.

Noch kann eine Familie durch einen Umzug von New York nach Charleston oder von San Francisco nach Dallas eine kleine Wohnung gegen ein Haus tauschen, aber die Preise sind bereits gestiegen und steigen weiter, was für junge Familien langsam zu einem Problem wird. Die langfristigen Hypothekarzinsen bewegen sich noch um 3,5 %, so dass die eigene Immobilie für viele in greifbarer Nähe bleibt, aber wenn die Zinsen steigen, wird die Finanzierung schwieriger. Es wäre dann zu erwarten, dass die Hauspreise sinken, doch ist davon nichts zu spüren, eher im Gegenteil. Die amerikanischen Hypotheken haben aber den Vorteil, dass sie mit Laufzeiten bis zu dreißig Jahren abgeschlossen werden können. Steigende Zinsen würden für bereits investierte Hausbesitzer nur bei kurzfristig laufenden Hypotheken durchschlagen.

Zur guten Stimmung trägt die Börse ihren Teil bei. Sehr viele Amerikaner sparen steuerbegünstigt mit einem 401k Plan, bei dem der Arbeitgeber regelmäßige Einzahlungen leistet, die der Arbeitnehmer zusätzlich aufstocken kann und sollte. Das Geld fließt in den Kapitalmarkt in Form von Mischfonds mit Aktien und Anleihen, bzw. reinen Aktienfonds, die man nach ihrer Orientierung auswählen kann. Das Angebot ist vielfältig und reicht von ETF bis zu spezialisierten Aktienfonds nach Industrien oder Kapitalisierung. Die Anleger kümmern sich aktiv um ihre 401k und schichten je nach Entwicklung von Large Caps in Small Caps oder von Tech in Infrastruktur um. Den Wert ihrer 401k verfolgen sie zeitnah und bei steigenden Börsen fühlen sie sich reicher, auch wenn das Vorsorgegeld erst mit der Pensionierung fließen wird. Dieses Gefühl, reicher zu werden, führt dazu, sich schon heute etwas zu gönnen, was dem Wirtschaftswachstum guttut. Kommt dann eine Baisse, wird die Stimmung ebenso schnell kippen. Aber es ist klar, dass viele Angestellte jahrelang in den Aktienmarkt einzahlen und dadurch am langfristigen Wachstum der Volkswirtschaft beteiligt sind. Mit der Zeit sammelt sich so ein erhebliches Altersguthaben an. Dieses wird auch dringend benötigt, denn die Lebenshaltungs- und Gesundheitskosten sowie die Lebensdauer nehmen zu. Daher sieht man manchmal ältere Arbeitnehmer ohne gut gefüllten 401k, die noch mit 70 oder 75 arbeiten müssen. Man findet sie im Dienstleistungssektor, wo sie sich mit einem Teilzeitjob und, wenn es schlecht läuft, mit zwei Teilzeitjobs, über Wasser halten.

Amerika bleibt trotz den bekannten Problemen, über welche die europäische Presse bevorzugt berichtet, ein zukunftsgerichtetes Land voller Tatendrang. Die Raumfahrt nimmt einen größeren Platz ein als in Europa, besonders in Florida, von wo die Raketen der NASA und des Militärs starten. Ein Astronaut, der gute Chancen auf einen Mondflug hat, ist Jonny Kim. Er sei als Beispiel für alles, was Amerika so großartig macht, kurz vorgestellt:

Der amerikanische Traum lebt

Jonnys Eltern waren unbemittelte Einwanderer, die einen kleinen Spirituosenladen führten und alles für die Zukunft ihrer Kinder gaben. Jonny wurde unter Leitung seiner Mutter ein guter Schüler. Sein Weg an die Uni schien vorgezeichnet, aber Jonny trat gegen den Willen der Mutter in die Navy ein, durchlief die Grundausbildung als Jahrgangsbester und wurde Marinetaucher mit den Zusatzausbildungen Fallschirmjäger, Aufklärer, Scharfschütze und Sanitätsspezialist. Er absolvierte über einhundert Kampfeinsätze. Die Admiralität wurde auf ihn aufmerksam und schickte ihn zurück auf die Universität. So studierte er doch noch und schloss 2002 sein Mathematikstudium mit summa cum laude ab, worauf er zum Leutnant befördert wurde.

Dann holte ihn die Universität Harvard mit einem Medizinstudium und Jonny wurde zum spezialisierten Notfallarzt. Er bewarb sich als Astronaut und wurde aus über 8.000 Bewerbern für die Artemis Mondmission ausgewählt, die als Vorstufe einer bemannten Marsmission ausgelegt ist. Die Chancen stehen gut, dass Dr. Jonny Kim die erste permanente Mondstation eröffnet. Falls er danach in die Politik gehen sollte, dürften ihm alle Türen offenstehen, von seinem Potential in der Wirtschaft ganz zu schweigen. Vom Kind armer Einwanderer zum Elitesoldaten, Mathematiker, Arzt und Astronauten – die tatsächliche Erfüllung eines amerikanischen Traums in nur einer Generation. Kein Wunder, zieht das Land weiterhin jedes Jahr leistungswillige junge Menschen zu abertausenden aus allen Erdteilen an.

Black lives matter

Nun werfen wir einen Blick auf die Benachteiligung der Schwarzen. Diese gibt es, auch wenn zahlreiche Schwarze in Wirtschaft und Politik, Armee und Sport, an den Universitäten und Kirchen sowie in den Medien höchste Ämter bekleiden und persönliche Erfolge erzielen, die in keinem anderen Land denkbar wären. Amerika ist kein rassistisches Land, aber die schwarze Bevölkerung leidet überdurchschnittlich unter Straßenkriminalität. Demzufolge ist die Polizei gerade in diesen Gegenden besonders aktiv und so erleben die Schwarzen die Polizei nicht als Freund und Helfer, sondern als Repressionsorgan.

Die Qualität der Polizisten, ihre Ausbildung und Besoldung lässt teilweise zu wünschen übrig, während ihre Ausrüstung durch überzähliges Armeematerial immer mehr ins paramilitärische abgleitet. Schwarze Männer, die mehrmals auf dem ganz normalen Arbeitsweg kontrolliert werden, können mit gutem Grund sauer werden. Man packt dann die Polizei an einer verwundbaren Stelle, indem man Lokalpolitiker wählt, die der Polizei das Budget kürzen. Ob sich die Lage dadurch bessert, darf bezweifelt werden. Dass die Polizei einem Drogenhändler frühmorgens eine Blendgranate ins Schlafzimmer wirft und versehentlich seine Freundin erschießt, eine Polizistin bei einer Verkehrskontrolle ihren Elektroschocker mit der Dienstpistole verwechselt oder drei Weiße einen schwarzen Jogger auf offener Straße erschießen und die höchsten Autoritäten eingreifen müssen, nur damit sie überhaupt vor Gericht gestellt werden, zeigt das Ausmaß der Misere. Es gibt zu viele solcher Fälle, zu viele Waffen in falschen Händen und keine einfachen Lösungen.

Die unselige Sklaverei wirkt bis heute nach, doch muss man den Amerikanern zugutehalten, dass sie die Sklaverei nicht erfunden, sondern abgeschafft haben und mit einer Bürgerrechtsbewegung unter Führung von Dr. Martin Luther King gleiches Recht für alle durchgesetzt haben. Herrscht aber auch Chancengleichheit? Darüber wird gestritten.

Eindrücke aus April 2021

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