Monatskommentar Dezember 2019

Monatskommentar Dezember 2019

Verehrte Investoren,

 „Ein jeder Wunsch, wenn er erfüllt, kriegt augenblicklich Junge.“[1]

Wilhelm Busch

Jahrhunderte – ja fast schon Jahrtausende lang – spielte der Begriff „Anreize“ im Wirtschaften der Menschen keinerlei Rolle. Auch nicht inhaltlich, zumindest nicht in seiner Schärfe. Entsprechend befasst sich „die“ Wirtschaft mit der „Welt der Preise, Löhne, Zinssätze, Aktien und Schuldscheine“ wie es noch in den 1970er Jahren in Büchern zu Ökonomie hieß.

In heutigen Standardwerken[2] wird hingegen ein wesentliches Prinzip hervorgehoben, dass „Menschen auf Anreize reagieren“. Andere Autoren[3] legen dar, dass „Ökonomie im Kern eine Untersuchung von Anreizen ist“, ja dass sogar „Anreize der Eckpfeiler des modernen Lebens“ seien. Doch sie schreiben das nicht ohne Ironie – und meinen damit, dass Anreize, im Sinne von nüchternen Kosten-Nutzen-Analysen, gerade – und trotz der stark fortgeschrittenen Ökonomisierung verschiedenster Lebensbereiche (z.B. der Bildung, Gesundheitswesen) ja sogar unseres Denkens etc.  – nicht das normale menschliche Leben auszeichnen. Und damit auch nicht für die Konsumenten. „Die meisten Anreize ergeben sich nicht von selbst (…) Irgendjemand – ein Ökonom oder Politiker (…) muss ihn erfinden.“

Vielleicht handelt es sich also um ein Narrativ der modernen Ökonomie? Apropos Narrative: Landläufig wird erzählt, dass die Amerikaner seit jeher ein aktien-affines Volk sind. Doch: Noch Anfang der 1950er Jahre waren nur 5% der Amerikaner in Aktien investiert. Erst durch massive „Anreize“ und „Nudges“ wurden die heutigen 25% erreicht – die übrigens vor der Finanzkrise doppelt so hoch waren. (Erfundene) „Anreize“ können also auch an der Realität wieder scheitern.

Welche Überlegungen – neuökonomisch: Anreize – umtreiben gerade die deutschen Unternehmen, die sich massiven Verwerfungen durch Disruptoren wie Apple, Google/Waymo und Tesla/Tencent ausgesetzt sehen? Jedenfalls beeindrucken erst einmal andere nackte Zahlen: Volkswagen investiert über 40 Milliarden (!) € in China und BASF erhöht seine China-Investitionen um (!) 10 Milliarden (auf ca. 30 Milliarden). Es scheint, als wolle man schnellstmöglich noch auf den China-Zug aufspringen. Genau genommen sind diese Unternehmen schon längst auf dem Zug, sie wollen jedoch noch weiter nach vorne im Zug. Doch was, wenn das Narrativ von „DER“ Supermacht des 21. Jahrhunderts (die so langsam wächst wie seit 27 Jahren nicht mehr) sich als falsch herausstellt? Zumindest sollte man bei derartigen Erzählungen genauer hinschauen.

Das gilt auch für die gängige Lesart, dass Aktien langfristig steigen. Ja, der S&P500 hat sich in den letzten zehn Jahren fast verfünffacht. Doch was heißt das eigentlich genau? Fakt ist, dass die Breite des Aktienaufschwungs durchaus zu wünschen übriglässt, denn die großen institutionellen Investoren investieren primär in die in den Indizes ohnehin schon hoch gewichteten Aktien, wodurch auch wiederum kleine Investoren diese Titel kaufen – mit der Folge, dass die breite Masse der Aktien eben gerade nicht so stark steigt. Kurz: wären alle Aktien gleichgewichtet, so stünden der S&P500 und andere Leit-Indizes markant tiefer.

Tragend für die US-Konjunktur war und ist der Konsum. Unter „normalen“ Umständen wird der Konsum eine Stütze der Wirtschaft bleiben. Nirgendwo sonst ist – aktuell – die Konsumorientierung so ausgeprägt, wie dort. Mit Erich Fromm gesprochen ist dafür die „Haben-Orientierung“ der Industriegesellschaft verantwortlich. Denn diese hat Besitz zum identitätsstiftenden Moment etabliert.[4] Gleichwohl ist der Konsument nicht Opfer, zumindest nicht nur. Er entscheidet, wenn er sich die Mühe macht, nüchtern zu überlegen, was er wirklich benötigt. Denn: „Nichts ist ausreichend für den, dem das Ausreichende zu wenig ist.“ – mahnte Epikur, vor über 2.500 Jahren schon.[5]

Indessen ist in den USA die Arbeitslosenquote auf einem 50-Jahres-Tief. Fed-Chef Powell äußerte entsprechend unlängst, dass das Konjunkturglas eher halb voll, als halb leer sei.  (Auch in der EU ist die Arbeitslosenquote so tief wie nie seit Einführung des Euros.) Kritisch stimmt allerdings – neben der sehr hohen Verschuldung der US-Verbraucher bzw. Konsumenten – die Entwicklung der Unternehmensgewinne, die zuletzt sogar um 2,2% gefallen sind. Unseres Erachtens ist für die Bewertung der US-Wirtschaft der US-Konsument entscheidend – für die US-Aktien allerdings die Gewinnentwicklung der Unternehmen. Diese bietet gegenwärtig zumindest keinen übergroßen Anreiz, US-Aktien längerfristig überzugewichten.

Der Begriff Anreize wurde übrigens 1943 erstmals im Zusammenhang mit der Ökonomie verwendet von Charles Edward Wilson, dem ehemaligen Präsidenten von General Electric. Und zwar im Kontext des Zweiten Weltkrieges. Er forderte die Kriegsindustrie seinerzeit „dringend auf (…), bei der Bezahlung ´Anreize zu setzen` – das heißt, den Arbeitern mehr zu bezahlen, wenn sie mehr produzieren.“[6]

Es bleibt zu hoffen, dass im neuen Jahr niemand „Anreize“ erkennt, neue Kriege loszubrechen. In diesem Sinne wünschen wir Ihnen ein erfolgreiches, gesundes und auch friedliches neues Jahr.

In der Anlagepolitik des Fonds werden wir weiterhin konservativ unterwegs sein mit Fokus auf Anlagesicherheit und Kaufkraftschutz und einer weiterhin auskömmlichen Rendite (2019 +3,44%).

Luxemburg, den 10.01.2020

Michael Feiten, Carsten Burkard & Ludwig Schnieders

[1] Busch, W.: Niemals, Schein und Sein. (1960), Wiesbaden und Berlin, S. 406.

[2] Z.B. dem Klassiker von Gregory Mankiw: Makroökonomik – inzwischen auf 756 Seiten in der 7. Auflage.

[3] Levitt, S.D. und Dubner, S. J.: Freakonomics (2009), London.

[4] Fromm, E.: Haben oder Sein. Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft (1976 – sic!), Stuttgart, S. 57.

[5] Epikur: Briefe, Sprüche, Werkfragmente (1975), Tübingen, 68. Weisung.

[6] Zitiert nach: Sandel, M. J.: Was man für Geld nicht kaufen kann, Berlin (2012), S. 110.

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