Monatskommentar Oktober

Monatskommentar Oktober

Verehrte Investoren,

„Dass alle unsere Erkenntnis mit der Erfahrung anfange, daran ist gar kein Zweifel.“ (1)

Immanuel Kant

Sie haben zwei Sekunden Zeit für die Antwort zu folgender Frage:

Ein Schläger und ein Ball kosten 1,10 €. Der Schläger kostet einen Euro mehr als der Ball. Was kostet der Ball?

Zweite Frage – zwei Sekunden Zeit:

5 Maschinen benötigen für die Produktion von 5 Produkten 5 Minuten. Wie lange benötigen 100 Maschinen für die Produktion von 100 Produkten?

Wie hoch ist eigentlich Ihr Intelligenz-Quotient?

In den 1920er Jahren verstand man in wissenschaftlichen Debatten unter Intelligenz „die Fähigkeit zum abstrakten Denken“ (Terman, 1921), „die Fähigkeit, sich an die Umwelt anzupassen (Colvin, 1921), sowie „Intellekt plus Wissen“ (Henmon, 1921). Aber eben auch: „Was ein Intelligenztest misst“ (Boring, 1923).(2) Letztere Definition hat sich weitestgehend etabliert.

Mit den Definitionen ist es so eine Sache. Für Karl Popper waren sie – im Gegensatz zu unserem gewöhnlichen Verständnis von Wissenschaft – gegenüber den Problemen und Fragestellungen eindeutig als (recht) unwichtig einzustufen. Ein „Aufschwung“ wird in der Wirtschaft klassischerweise definiert durch steigende Produktion und Auftragsbestände, fallenden Arbeitslosenraten sowie – neben niedrigen Zinsen – auch einer gewissen Inflation. Befinden wir uns also im Aufschwung? Der US-Aufschwung dauert nun schon 123 Monate und ist damit der stärkste (längste) Aufschwung überhaupt.

Wird er jedoch nach BIP-Wachstum gemessen (26 % real), so ist er noch der fünftstärkste seit 1945. Misst man den Aufschwung am jährlichen Realwachstum, dann ist er mit durchschnittlich 2,3 % sogar der schwächste. Und über „die“ Inflation oder größere Preissteigerungen brauchen wir gar nicht erst zu sprechen. Oder doch?

Wir erwarben im Oktober eine zehnjährige US-Inflationsanleihe, nach dem die Break-Even-Inflationsraten – gemessen aus der Differenz zwischen Nominalanleihen und TIPS – zuletzt deutlich gefallen waren. Auch die mittels Swaps gemessene künftige Erwartung für die kommenden zehn (!) Jahre (pro Jahr!) ist erheblich gefallen: lag diese erwartete Inflation zu Beginn des letzten Quartals 2018 noch bei 2,4 %, fiel diese Quote im Berichtsmonat auf 1,6990 %. Das erscheint uns übertrieben, zumal das Renditeniveau ja selbst noch einmal kräftig gesunken ist:

Das nutzten wir, sodass wir im Berichtsmonat unsere Cash-Position (für unsere Verhältnisse) deutlicher reduziert haben, von 11,256 % auf 6,739 %. Zum einen investierten wir in eine kurz laufende Anleihe in Brasilianischen Real, wie gewohnt von einem supranationalen Emittenten (AAA-Rating). Diese Investition verspricht – vorbehaltlich etwaiger Währungsschwankungen – eine Rendite von 4,01 %. Nach den zuletzt deutlich niedriger als erwarteten Inflationsdaten (2,89 % im September – vor drei Jahren lagen die Zahlen noch deutlich über 10 %!) erhöht sich die Wahrscheinlichkeit weiterer Zinssenkungen in Brasilien, ggf. sogar noch in diesem Jahr.

Es gibt viele Studien, die belegen, dass die Aufmerksamkeitspanne und die Konzentration abnehmen, je mehr Zahlen vorhergehend genannt werden. Das soll aber keine Entschuldigung für Sie sein! Daher die letzte Frage. Wieder zwei Sekunden:

In einem See wachsen Seerosen, deren Menge sich jeden Tag verdoppelt. Nach 48 Tagen ist der gesamte See bedeckt. Wie lange dauert es, bis die Hälfte des Sees bedeckt ist?

Ist Ihre Antwort auf diese Frage „24 Tage“? Auf die erste Frage „10 Cent“ und auf die zweite „100 Minuten“? Wenn Sie alle drei Fragen richtig beantwortet haben, dann gratulieren wir ihnen. Ein Drittel aller Menschen beantwortet alle Fragen falsch, 83 % aller Menschen mindestens eine Frage. Wie die Studie von Shane Frederick zeigt, lösen selbst die meisten Absolventen von renommierten Universitäten nicht alle Fragen richtig. Etwas bedenklich mag anmuten, dass selbst tendenziell sehr zahlen-affine Risiko-Manager zwar etwas bessere, aber dennoch keine überzeugenden Ergebnisse abliefern.

Vielleicht kann man die Ergebnisse so deuten: Trotz der Suggestion der Genauigkeit besagter Studien, in dem sie gerade mit Zahlen operieren, fußen sie auf etwas Ungenauem: einer Intelligenz-Definition, die nur mathematisch-logisch geprägt ist. Diese eindimensionale Betrachtung ist vielleicht so zielführend, als wenn Fondsmanager sich nur auf den im Risikomanagement so angesehenen Value at Risk als Beurteilungsparameter des Risikos ihrer Entscheidungen verlassen würden.

In den 1990er Jahren wurde von 52 renommierten Intelligenzforschern eine weiter fassende Definition von Intelligenz dargelegt, die – neben obiger Fähigkeit zu schlussfolgerndem Denken – die „zum Planen, zur Problemlösung (…) zum Lernen aus Erfahrung (…) reflektiert [sowie] ein breites und tieferes Vermögen, unsere Umwelt zu verstehen, ´zu kapieren´, ´Sinn in Dingen´ zu erkennen oder ´herauszubekommen´, was zu tun ist“. (3) Das geht ein Stück weit in die Richtung von Modellen der Multiplen Intelligenz, die neben der logisch-mathematischen auch die visuell-räumliche, die sprachliche, die musikalische, die körperlich-kinästhetische, die sozial-interpersonale und die sozial-intrapersonale Intelligenz unterscheiden. Man kann also sagen: auch wenn die „anderen Intelligenzen“ schwerer quantifizierbar und messbar sind, so gibt es sie dennoch.

Trösten Sie sich also. Denn…

…die richtigen Antworten auf die Fragen lauten „5 Cent“, „5 Minuten“ und „47 Tage“. Mit der Erfahrung dieses Tests (wie oben beschrieben ist Erfahrung ja ein „Intelligenz-Potenzial“) werden Sie künftig sicher noch bessere Ergebnisse erzielen.

Luxemburg, den 15.10.2019

Michael Feiten, Carsten Burkard & Ludwig Schnieders

1 Immanuel Kant: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (1785), Einleitung XI.

2 Alle Definitionen entnommen aus: Detlef H. Rost: Intelligenz: Fakten und Mythen (2009).

3 Ebenda, S. 2.

geschenkt und angenommen sein.”



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