Monatskommentar September

Monatskommentar September

„Man kann Vertrauen nicht verlangen. Es will geschenkt und angenommen sein.”

Niklas Luhmann


Verehrte Investoren,

„Man kann Vertrauen nicht verlangen. Es will geschenkt und angenommen sein.“1 Niklas Luhmann

bitte lesen Sie einmal folgende Passagen und geben danach für sich oder auf unserer Homepage wider, was der Inhalt ist (bevor Sie dann weiterlesen):

„Die gesellschaftliche Totalität führt kein Eigenleben oberhalb des von ihr Zusammengefassten, aus dem sie selbst besteht. (…) Sie produziert und reproduziert sich durch ihre einzelnen Momente hindurch. (…) Theorien sind Ordnungsschemata, die wir in einem syntaktisch verbindlichen Rahmen beliebig konstruieren. Sie erweisen sich für einen speziellen Gegenstandsbereich dann als brauchbar, wenn sich ihnen die reale Mannigfaltigkeit fügt.“

Alles klar soweit?

Der Text stammt von Jürgen Habermas. Karl Popper hat die Worte in seinem eindringlichen Text „Wider die großen Worte“ übersetzt: „Die Gesellschaft besteht aus den gesellschaftlichen Beziehungen. (…) Die verschiedenen Beziehungen produzieren irgendwie die Gesellschaft. (…) Theorien sollten nicht ungrammatisch formuliert werden; ansonsten kannst du sagen, was du willst. Sie sind auf ein spezielles Gebiet dann anwendbar, wenn sie anwendbar sind.“2

Ein aktuelleres, finanzmarktaffineres Beispiel gefällig? Unlängst ist die deutsche Inflationsrate „unerwartet“ auf ein Dreijahrestief gefallen, auf 0,9%. „The Economist“ spricht in einem Wortspiel im Vergleich der deutschen Inflation zu anderen EU-Ländern vom „Wurst among equals“. Jedenfalls bestätigt diese Rate die Erwartungen hinsichtlich eines anhaltend gedämpften Preisdrucks. Wie hatte die EZB noch in ihrem letzten Zins-Entscheid geschrieben: „Der EZB-Rat geht inzwischen davon aus, dass die EZB-Leitzinsen so lange auf ihrem aktuellen oder einem niedrigeren Niveau bleiben werden, bis er feststellt, dass sich die Inflationsaussichten in seinem Projektionszeitraum deutlich einem Niveau annähern, das hinreichend nahe, aber unter 2 % liegt, und dass sich diese Annäherung in der Dynamik der Kerninflation durchgängig widerspiegelt.“

Frei nach Popper könnte man sagen: „Das grausame Spiel, Einfaches kompliziert und Triviales schwierig auszudrücken, wird leider traditionell von vielen Soziologen, Philosophen usw.  Zentralbanken als ihre legitime Aufgabe angesehen.3 “Wir „übersetzen“ daher die EZB-Aussagen exklusiv für Sie: „Wir sehen es ein: alle bisherigen Maßnahmen haben unser Hauptziel, die Inflation zu steigern, nicht erfüllt. Daher steigen erst genau dann aus der lockeren Geldpolitik aus, wenn wir aussteigen. Wir wissen doch auch nicht, woran es liegt.“ (Wobei immer noch die Frage erlaubt ist: ist das 2%-Ziel so dramatisch wichtig? Immerhin wächst der Euroraum seit über sechs Jahren durchgehend. Kritische Stimmen argumentieren ferner mit gewissem Recht: „Das Sparbuch wurde dem Wachstum geopfert.“)

Jedenfalls wäre das eine klare Aussage der EZB. Zumal: „Menschliche Kommunikationsmotive sind (…) grundlegend kooperativ angelegt.“ Das setzt ein gegenseitiges Verständnis voraus.

Entsprechend sind andere klarer in ihren Aussagen. Der Präsident der Vereinigten Staaten wiederholt z.B. seine Aussagen immer und immer wieder, in dem folgenden Beispiel ganze 8. (!) Mal – uns sie ist denkbar klar (ab 2:14min). Donald Trump beherrscht die Klaviatur der Rhetorik exzellent und weiß um alle relevanten psychologischen Effekte, so z.B., dass wir einer Aussage umso eher glauben, je öfter wir sie hören bzw. sie sogar unterstützen. Und das alles in einer hoch-emotionalisierten Atmosphäre, die den Lern-Effekt erhöht. Gerade diese Emotion zu kritisieren, wäre unangebracht. Trump (und auch andere) begreifen ihre Emotionalität (d.h. Irrationalität) ja geradezu als Wesen ihrer Politik.

Doch vielleicht stellt sich schon die Frage, ob das Vertrauen der Wähler in diesen Präsidenten nicht etwas zu viel war. Letztlich „überzieht“5 jedes Vertrauen die zur Verfügung stehenden Informationen. Das gilt für den Wähler, der Donald Trump gewählt hat – aber eben auch für unser Vertrauen in die Zentralbanken und deren Vertrauen wiederum, in ihre Modelle und auch in die Marktakteure.

Indessen durchleben wir in den USA die längste Wirtschaftsexpansion seit 1854. Unlängst hat die Citibank aufhorchen lassen und eine Vielzahl von Faktoren ausgewertet, um zu testen, ob wir auf einen Bärenmarkt zusteuern. Die Antwort: ein klares Nein (der Citibank). Im Vergleich zu den letzten größeren Bärenmärkten (ab März 2000 und ab Oktober 2007) sind z.B. die Bewertungen von Aktien eher günstig (gemessen an KGVs und Co.), das Sentiment (z.B. die gemessene globale Euphorie bei Analysten) weit weg von zu positiver Stimmung und ebenso das Verhalten der Firmenlenkern (z.B. gemessen an globalen M&A-Transaktionen). Die Profitabilität und die Bilanzen der Unternehmen sind gemäß der Studie ebenfalls noch im Rahmen – wohlgemerkt: der beiden Extrembeispiele. Ohnehin wiegen gegenwärtig nicht (sinnvoll) quantifizierbare Themen schwerer auf den Märkten. Ein wunderbares Beispiel dafür ist der Brexit: Es ist alles gesagt und doch irgendwie nichts. Schauderhaft oder spektakulär, das Verhalten der Akteure (je nach Wertung). Apropos, Worte und Akteure. Lesen Sie bitte noch einmal eine kleine Passage:

„Das ist eine gewaltige Herausforderung, und man muss ein ziemlich hartgesottener Euro-Skeptiker sein, um nicht mit Bewunderung für das, was sie erreichen wollen, erfüllt zu sein. Nennen Sie mich idealistisch, aber ich denke, es wäre eine wunderbare Sache, wenn die Menschen in Europa in der Tat den gleichen Geist und Willen hätten. (…) Eine der Gründe, warum das römische System so lange so gut funktionierte, war, dass unterschiedliche Rassen und Religionen eher eine Frage der Neugier und des Respekts als eine Frage der Paranoia waren. Das ist ein Traum, den es zu beleben lohnt.“ Wer hat es geschrieben?

Das Buch „The Dream of Rome“ von Boris Johnson, ja, dem Brexit-Boris Johnson, dem der britische Wähler sein Vertrauen nun nolens volens geschenkt hat, wurde 2006 veröffentlicht. Was Johnson in diesen pro-europäischen Zeilen nicht noch ausführt:

In der Blüte des Römischen Reiches, vor 2.000 Jahren, konnten sich dessen Bürger im gesamten (!) Reich frei bewegen – vom heutigen Syrien über den Norden Afrikas und Spanien, Teile Mitteleuropas und Italien bis nach Frankreich – und Großbritannien. Ohne Grenzen.

Luxemburg, den 15.10.2019

Michael Feiten, Carsten Burkard & Ludwig Schnieders

[1] Niklas Luhmann: Vertrauen, Stuttgart (1989), S. 46.

[2] Karl Popper: Freiheit und intellektuelle Verantwortung, Kapitel 9: Wider die großen Worte, Tübingen (2016 bzw. 1987): S. 170 f. In seinem Buch „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“, Teil 2 (1945 bzw. 2003), S. 99, im bezeichnenden Kapitel „der Aufstieg der orakelnden Philosophen finden“ sich andere Beispiele, z.B. zu Martin Heidegger.  Popper schreibt (Schopenhauer zitierend): „Denn diese monströsen Zusammenfügungen von Worten, die sich aufheben und widersprechen, sodass der Geist irgendetwas dabei zu denken vergeblich sich abmartert, bis er endlich ermattet zusammensinkt, vernichten in ihm allmählich die Fähigkeit zum Denken so gänzlich, dass dann hohle leere Floskeln ihm für Gedanken gelten.“ Das ist überaus luzide: Ermattung durch komplexe Fülle.

[3] Ebenda,  S. 171.

[4] Michael Tomasello: Die Ursprünge der menschlichen Kommunikation, Berlin (2009), S. 16.

[5] Niklas Luhmann: Vertrauen, Stuttgart (1989), S. 26.

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