Start / Mediacenter

Mediacenter

Aktuellster Beitrag:

Monatskommentar Juli

„Die Vernunft kann der Leidenschaft nicht Paroli bieten. Wir müssen daher die Vernunft zu einer Leidenschaft machen.“    Baruch de Spinoza

Verehrte Investoren,

„Die Vernunft kann der Leidenschaft nicht Paroli bieten. Wir müssen daher die Vernunft zu einer Leidenschaft machen.“    Baruch de Spinoza

Röntgenstrahlen, Penicillin, Polyethylen, Post-it-Notes, Teflonpfannen, Tesafilm – und auch Viagra: manche Entdeckungen, aus denen später wichtige Innovationen und Entwicklungen werden, sind nur zufällig entstanden bzw. in völlig anderer Intention. Auch in der Politik sind sich zufällig ergebende Entwicklungen, aus denen dann noch größere resultieren, üblich.

„Mir fällt jener »Donnerkeil« des Mirabeau ein, mit welchem er den Zeremonienmeister abfertigte, der nach Aufhebung der letzten monarchischen Sitzung des Königs am 23ten Juni, in welcher dieser den Ständen auseinanderzugehen anbefohlen hatte, in den Sitzungssaal, in welchem die Stände noch verweilten, zurückkehrte, und sie befragte, ob sie den Befehl des Königs vernommen hätten? »Ja«, antwortete Mirabeau, »wir haben des Königs Befehl vernommen« - ich bin gewiss, dass er, bei diesem humanen Anfang, noch nicht an die Bajonette dachte, mit welchen er schloss: »ja, mein Herr«, wiederholte er, »wir haben ihn vernommen« - man sieht, dass er noch gar nicht recht weiß, was er will. »Doch was berechtigt Sie« - fuhr er fort, und nun plötzlich geht ihm ein Quell ungeheurer Vorstellungen auf - »uns hier Befehle anzudeuten? Wir sind die Repräsentanten der Nation.« - Das war es, was er brauchte! »Die Nation gibt Befehle und empfängt keine« - um sich gleich auf den Gipfel der Vermessenheit zu schwingen. »Und damit ich mich ihnen ganz deutlich erkläre« - und erst jetzt findet er, was den ganzen Widerstand, zu welchem seine Seele gerüstet dasteht, ausdrückt: »So sagen Sie Ihrem Könige, dass wir unsere Plätze anders nicht, als auf die Gewalt der Bajonette verlassen werden.« - Worauf er sich, selbstzufrieden, auf einen Stuhl niedersetzte.“ [1]

Es ist nicht überliefert, was genau der Auslöser war, der Mirabeau dazu brachte, sich nach und nach in Rage zu reden – doch es scheint gesichert, dass es nicht geplant war. Schon gar nicht die Art und Weise, mit der er dem königlichen Zeremonienmeister damit zum Schweigen brachte. Der war im Namen des Französischen Königs eigentlich angetreten, die Ständeversammlung aufzulösen. Ohne diese spontane Eruption erscheint die Französische Revolution – in dieser Form – undenkbar.

Sicher nur bedingt in „Rage“ geredet hat sich Mario Draghi in seiner Rede im Lancester´s House am 26. Juli 2012 – vielleicht war sein „whatever it takes“ Kalkül? Vermutlich. Doch seine Hinzufügung „and believe me, it will be enough“? Zumindest stark von Hoffnungen und Spontanität gezeichnet. In einem ersten Zwischenurteil wird man konstatieren, dass der Euro damit gerettet wurde. Für ein nächstes Urteil, vielleicht in zehn Jahren, mag man zu einem anderen Fazit kommen. Es ist kein Geheimnis: es gibt durchaus auch viele valide Punkte, die aktuelle Politik der Zentralbanken zu kritisieren, zumindest zu hinterfragen.

Ende Juni stellten wir noch fest, dass die zehnjährigen US-Staatsanleihen unter 2% rentieren - inzwischen, nur wenige Wochen später, notieren sogar die dreißigjährigen (!) unter 2%. Ein Allzeit-Tief:

Noch Ende Mai (!) hatten wir uns – erstaunt von der Geschwindigkeit des Renditeverfalls – die Augen gerieben, dass die Rendite portugiesischer zehnjähriger Staatsanleihen unter 1% fallen konnte – aktuell laufen wir auf die Nullprozentmarke zu.

Von Deutschland gar nicht zu sprechen: hier ist vor einigen Tagen die gesamte deutsche Zinskurve ins Minus gerutscht, inklusive der 30-jährigen Anleihen.

Doch Folgendes stimmt sicher nicht: „Anleger bezahlen Geld dafür, dem deutschen Staat Geld zu leihen.“ Warum? Nun, wir selbst z.B. hatten ebenfalls immer wieder deutsche Staatsanleihen gekauft, sogar länger laufende. Übrigens auch US-amerikanische. Doch nicht zum oben genannten Zweck, sondern aus Erwägungen der Absicherung und der Diversifikation. Nicht eine Absicherung gegen den vermeintlichen Crash des Finanzsystems, sondern aus portfoliotheoretischen Erwägungen. Es bedarf nicht eines „Crashs“, damit deutsche Staatsanleihen als „sicherer Hafen“ gesucht werden, Performance generieren, einen klassischen Hedge darstellen, der Diversifikation dienen. Unter diesem Aspekt könnten übrigens ausgerechnet Anlagen in China eine Überlegung wert sein, wie Ray Dalio argumentiert.

Bei einem anderen „sicheren Hafen“ – unserer Position in Gold – haben wir im Berichtsmonat auf Defensive umgeschaltet. Wir hatten die Position ja zur deutlich größten unserer Portfolios gemacht und daher von den jüngsten Kurszuwächsen profitieren können. Inzwischen haben wir die ganze Position via Short Calls „abgesichert“ und können so erneut Optionsprämien auf unseren Bestand generieren. Diese Position hatte ihren Anteil am Monatsplus von +0,95% des NORD/LB Horizont Fonds, in einem zugegebenermaßen ruhigen Börsenmonat (DAX -1,69%).

Fondsmanager, die negativ rentierende Bundesanleihen oder Gold kaufen – das klingt schnell nach „Emotion“ oder „Emotionen schüren“ oder es wird als emotional dargestellt. Auch wenn das nicht unser Ziel ist – was spräche dagegen? Ihre Erwartung vermutlich. Andererseits: Sollen wirklich die Investoren, Sie und wir, mit ihren Emotionen nur denen „überlassen“ werden, die laut schreien oder besonders pointiert auftreten? Das wäre zumindest schade.

Diese Frage muss man sich vermutlich noch fundamentaler für unsere Demokratie stellen: „Mitunter gibt es die Auffassung, nur faschistische oder aggressive Gesellschaften seien von starken Gefühlen beherrscht, und nur solche Gesellschaften hätten es nötig, sich auf die Förderung und Pflege von Gefühlen zu konzentrieren. Derartige Ansichten sind so falsch wie gefährlich. (…) Überlässt man die Prägung von Gefühlen antiliberalen Kräften, erlangen diese einen gewaltigen Vorsprung bei der Gewinnung der Herzen der Menschen, und dann besteht die Gefahr, dass Menschen liberale Werte für lasch und langweilig halten.“ [2] Wenn es also einer Gesellschaft an der emotionalen Bindung zu Demokratie und Gemeinwesen fehlt, so ist dieses – auf kurz oder lang – gefährdet.

Das gilt umso mehr, je weniger Menschen, die nicht in unserem direkten Blickfeld sind, „irrelevant“ werden. Keine neue Einsicht: „Ich sehe eine unübersehbare Menge ähnlicher und gleicher Menschen, die sich rastlos um sich selber drehen, um sich kleine und gewöhnliche Freuden zu verschaffen, die ihr Herz ausfüllen. Jeder von ihnen ist, ganz auf sich zurückgezogen, dem Schicksal aller anderen gegenüber wie unbeteiligt, seine Kinder und seine besonderen Freunde sind für ihn die ganze Menschheit. Was seine übrigen Mitbürger angeht, so ist er zwar bei Ihnen, aber sieht sie nicht.“ [3]

Das schrieb Tocqueville 1840, bezogen auf die Demokratie in Amerika. Leicht ist man veranlasst zu denken; „aktueller denn je“ oder Ähnliches. Auch in Europa sah er deutliche Missstände: „Ich behaupte, dass die öffentliche Verwaltung in sämtlichen Ländern Europas nicht nur stärker zentralisiert ist als früher, sondern sich auch inquisitorischer um die Einzelheiten des staatlichen Lebens kümmert; allenthalben dringt sie weiter als früher in das Privatleben vor; immer mehr, immer unbedeutendere Vorgänge regelt sie auf ihre Weise, und sie breitet sich mit jedem Tag mehr aus, neben dem Einzelnen, um ihn herum und über ihm, um ihm beizustehen, ihn zu beraten und zu vergewaltigen.“

Manchmal treibt das allzu bunte Blüten: zu Zeiten Tocquevilles wurde im Vereinigten Königreich ein Gesetz eingeführt – und über dreißig Jahre beibehalten – dass Gefährte ohne Pferde, d.h. im Wesentlichen Automobile, mit einer Geschwindigkeit von maximal 4 Meilen pro Stunde (6,4 km/h J) fahren durften. Damit nicht genug: der „Red Flag Act“ von 1865 legte angesichts der gerade genannten horrenden Geschwindigkeit fest, dass vor den Automobilen eine Person mit roten Fahnen gehen musste, um die Bevölkerung vor der Gefahr zu warnen. Erstaunlich, zumindest aus heutiger Sicht: tatsächlich starben seinerzeit tausende Menschen bei Verkehrsunfällen mit solchen Fahrzeugen.

Es zeigt sich einmal mehr: so wie kleine, tägliche Mikroentscheidungen am Ende unser Leben ausmachen, so können auch Entwicklungen im Zeitlupentempo – zum Beispiel ein langsamer, stetiger Verfall der Renditen von Anleihen, in Kombination mit einem immer stärkeren Misstrauen gegenüber Institutionen wie der EZB – gefährlich werden.

Luxemburg, den 10.08.2019

Michael Feiten, Carsten Burkard & Ludwig Schnieders

[1] Heinrich von Kleist: Über die allmähliche Verfestigung der Gedanken beim Reden (1805), Kapitel 1, S. 11.

[2] Martha Nussbaum: Politische Emotionen, Berlin (2016), S. 6.

[3] Alexis de Tocqueville: Über die Demokratie in Amerika, Bd. II (1840), Frankfurt a.M. (1956), S. 206.

Quelle der Charts: Bloomberg

Menü schließen